
Stellprobe zum Verdi-Requiem 2006 in der Kölner Philharmonie — Foto: Christoph Seelbach
Verdi Messa da Requiem
Birgit Harnisch, Ilona Markarova, Man-Taek Ha, Georg Zeppenfeld
Staatsorchester Rheinische Philharmonie, KölnChor,
Rheinischer Kammerchor Köln, Vokalensemble Hildegard-von-Bingen
Philharmonie Köln 14.01.2006, 20 Uhr
Plakat
Kritik des Kölner
Stadtanzeigers
Kritik der Kölnischen
Rundschau

Ein C-Dur, so klar wie Himmelslicht
Wolfgang Siegenbrink leitet eine packende Aufführung des
Verdi-Requiems in der Kölner Philharmonie
Riesige Besetzungen zu bändigen und auf entscheidende Aspekte
hin zu bündeln, ist eine Spezialbegabung von Wolfgang Siegenbrink.
Damit war er Pionier für ein Förderprojekt, das Schülern im Verbund
mit erfahrenen Laien und Profis bedeutende Werke von innen her
erschließt. Dass es nun gleich mit Giuseppe Verdis "Messa da
Requiem" (1873) ein Viertausender sein musste, hatte Skepsis
geweckt. Aber das Wagnis ist geglückt: ein bewegender Abend in der
Philharmonie, ein Erfolg für die Reihe "Kölner Chorkonzerte".
Etwa 180 Köln-Bonner Sängerinnen und Sänger brauchten die volle
Bühnenbreite hinter dem Staatsorchester Rheinische Philharmonie aus
Koblenz. Zwar leitete Verdi selbst diese grandiose Totenmesse einst
in Köln mit noch viel mehr Musikern. Aber Siegenbrink hat eben
neben seinen erfahrenen Ensembles Rheinischer Kammerchor und
KölnChor auch Schüler zu führen, das von Musiklehrerin Claudia
Scheffel vorbereitete Vokalensemble des
Hildegard-von-Bingen-Gymnasiums. Gemeinsam boten sie ein
geistliches Werk hoch dramatischen Zuschnitts.
Der Chor sang textklar, artikulierte Fugen erstaunlich sauber.
Er brachte die abgrundtiefe Angst so packend zum Ausdruck wie die
Sehnsucht nach Befreiung.
Das C-Dur am Ende des "Libera me" war wie reines Himmelslicht.
Wunderbar.
Abstriche machte der Dirigent, wo er das Orchester oder seine
Solisten allein ließ. Doch verstanden sich die Koblenzer auf die
Schrecken des Infernos, auf eine mächtige "Tuba mirum"-Szene mit
Ferntrompeten, auch auf so heikle Pianissimo-Passagen wie im
"Requiem"-Beginn.
Die Vokalsolisten gefielen ausnehmend gut, wenn auch ihre Stimmen
in den Ensembles nicht immer optimal verschmolzen. Birgit Harnisch
ließ einen Sopran mit Kern und Höhenglanz hören, mehr Innigkeit
zeigte die armenische Mezzosopranistin Ilona Markarova. Ein
Glücksfall war der für Hans Sotin eingesprungene Bass Georg
Zeppenfeld (Semperoper); er gestaltete seine Partie vollkommen
versammelt.
"Krise der Klassik"? Offenbar gibt es eine Krise der Vermittlung.
Hier wurde mutig ein Zugang eröffnet.
Theatralische Glaubensfreude
Gewaltiger Chorklang beeindruckte bei Verdis „Missa da Requiem“Zu einem gewaltigen Chorklang bündelten sich in der Philharmonie
der KölnChor, der Rheinische Kammerchor Köln und das Vokalensemble
Hildegard von Bingen. Es galt eine der wohl
„saftigsten“ Totenmesse-Vertonungen zu feiern: Giuseppe
Verdis 1874 uraufgeführte „Missa da Requiem“. Das Werk
vertritt einen theatralischen Katholizismus, der bestens nach Köln
passt – denn auch wir lassen uns ja von keinem Puristen die
Freude am Glauben verderben.
Nur so ist das italienische Feuer erklärbar, das die Chöre und das
Staatsorchester Rheinische Philharmonie entfachten. Alles wirkte
kraftvoll und mitreißend. Dabei wusste Wolfgang Siegenbrink auch
leisere Töne einzubeziehen. Die Ruhe und Intensität, mit der er
etwa das „Requiem aeterna“ eröffnete, gaben erst den
rechten Kontrast zum temperamentvollen „Dies irae“. Man
kann zu dieser äußerst sicher gemeisterten Aufführung nur
gratulieren.
Doch schließlich ist Verdis Requiem auch ein Sängerfest. Aus voller
Kehle möchte man hier Italiener schmettern hören. Das konnte diese
Aufführung leider nicht bieten; immerhin überzeugten der für den
erkrankten Hans Sotin eingesprungene Bass Georg Zeppenfeld und die
Sopranistin Birgit Harnisch. Doch Ilona Markarovas wenig glutvoller
Mezzo und Man-Taek Has stumpfer Tenor wirkten inmitten der
mitreißenden Aufführung dann doch zu blass.
Insgesamt aber gab es einige bemerkenswerte Details zu bewundern,
etwa Birgit Harnischs gelungenen Wechsel vom gesprochenen zum
gesungenen Wort im abschließenden „Libera me“. Und
einen furiosen Gesamteindruck vor ausverkauftem Haus lieferte
dieses Chorkonzert allemal.


